Kreuzwort vom 20.06.2026
Laut Kalender ist am Sonntag Sommeranfang und damit der längste Tag des Jahres. Bis spät in die Nacht bleibt es hell. Das Licht ist auf seinem Höhepunkt. Danach werden die Tage schon wieder kürzer.
Im katholischen Gotteslob (GL 465) gibt es zur Sonnenwende ein Lied. Es beginnt so: “Das Jahr steht auf der Höhe, die große Waage ruht. Nun schenk uns deine Nähe und mach die Mitte gut.“ Das Bild von der Waage beschreibt einen Schwebezustand: Zwischen dem Auf und Ab der beiden Waagschalen gibt es nur einen Punkt des Gleichgewichts. Nur einen Punkt ganz oben und einen ganz unten. So ist es auch mit dem Tageslicht im Jahreslauf. Nur an diesem einen Tag ist das Licht so mächtig. Dann schlägt die Waage schon wieder um.
Weil die Waage gleich wieder umschlägt, erinnert sie uns daran, auf das Heute zu achten und die Zeit jetzt, die Mitte, zu nutzen. Wir werden an die Vergänglichkeit unseres Daseins erinnert. Später heißt es: „Das Jahr lehrt Abschied nehmen schon jetzt zur halben Zeit. Wir sollen uns nicht grämen, nur wach sein und bereit.“ Wach und bereit sein, aufmerksam leben.
Die christliche Überlieferung hat dieses Bild von der Waage an der Gestalt Johannes des Täufers festgemacht. Wir kennen ihn als Vorläufer und Ankündiger von Jesus. Johannes sagt einmal im Blick auf den kommenden Jesus: »Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.« (Joh. 3,30) Johannes zeigt den Menschen den Weg zu Jesus. Er führt sie sozusagen zum Licht hin. Seinen Geburtstag begehen wir am 24. Juni. Also in der Zeit, wenn die Waage schon umgeschlagen hat und wenn die Tage wieder kürzer werden. Er also nimmt ab. Und sein Geburtstag ist genau gegenüber der Christgeburt zu Weihnachten, am 24. Dezember. Drei Tage nach der Wintersonnenwende. Wenn die Waage wieder umgeschlagen hat. Dann nimmt das Licht von Tag zu Tag wieder zu.
Ich wünsche uns allen ein aufmerksames Leben in der Mitte, im Heute. Und vielleicht lesen Sie einmal das ganze Lied nach. Es lohnt sich.
Bettina Lezuo, evangelische Pfarrerin in Aschaffenburg St. Matthäus