Regionalgemeinden - Wie aus Steinen Begegnung wird

„Weite schafft Raum“ – dieser alte biblische Gedanke begleitet mich oft. Glaube war nie dafür gedacht, in engen Grenzen zu bleiben. Er lebt davon, dass Menschen sich aufmachen, einander begegnen und Gott mitten im Leben entdecken – nicht nur am vertrauten Ort, sondern auch unterwegs. Denn „Gott gibt uns nicht nur Aufgaben, sondern auch die Mittel, sie zu gestalten“ (in Anlehnung an 1. Kor 12,4–7). Mir ein Auto!

2023 begann ich, im berufsgruppenübergreifenden pastoralen Dienst zu arbeiten. Damals ahnte ich nur, dass sich die Landkarte unserer Kirche verändern würde. Heute weiß ich: Kirche ist kein Museum, das wir bewahren müssen – sie ist ein lebendiger Organismus. Im Prozess der Regionalisierung erlebe ich, wie aus vertrauten Strukturen neue Chancen wachsen. Anstrengend? Ja – doch vor allem ist es spannend! Kirche steht vor großen Fragen: Wie gehen wir mit den nüchternen Prognosen um? Was machen wir mit den Immobilien? Doch statt in Nostalgie zu verharren, lohnt ein Perspektivwechsel: Was brauchen die Menschen heute? Und: Wie können wir Kirche so gestalten, dass sie Antworten gibt – nicht nur am Sonntag, sondern mitten im Alltag? Regionalisierung ist keine Bedrohung, sondern eine Einladung: die Einladung, uns von der Fixierung auf „unsere“ vier Wände zu lösen und dort präsent zu sein, wo das Leben spielt. Ob in Vereinen, bei Festen oder in Krisen – Kirche darf nicht warten, bis Menschen zu ihr kommen. Sie muss sich auf den Weg machen.

Zukunft durch Verwandlung

Plötzlich wird möglich, was vorher undenkbar schien: An einem Tag feiert ein Liturg an mehreren Orten Gottesdienst. Immobilien könnten nicht nur aufgegeben, sondern verwandelt werden – in Schutz- und Lebensräume für Menschen in Not oder in Häuser der Begegnung für Vereine und Initiativen. Warum nicht gemeinsam mit Kommunen, NPOs und NGOs darüber nachdenken, wie leerstehende Gebäude zu Orten lebendiger Gemeinschaft werden? Das ist kein Verlust, sondern eine echte Chance: Kirche als Teil des gesellschaftlichen Lebens neu zu denken.

Die Zukunft: multiprofessionelle Teams

Das verändert auch unsere Rollen. Nicht mehr einzelne Amtsfiguren stehen im Mittelpunkt, sondern multiprofessionelle Teams: Ehrenamtliche, Diakon:innen, Religionspädagog:innen und Pfarrer:innen. Unterschiedliche Gaben kommen zusammen – und entfalten gemeinsam ihre Wirkung. Ich erlebe 

das ganz konkret: Gottesdienste, Kasualien und Seelsorge an vielen Orten – von Amorbach bis Großwallstadt, von Mömlingen bis Heimbuchenthal und darüber hinaus. Und das, obwohl mein Auftrag formal auf Erlenbach und Eschau begrenzt ist. Das ist kein Hetzen, sondern gelebte Präsenz – nah bei den Menschen.

Wo muss Kirche sein? Mitten im Leben!

Besonders berührend ist für mich, wie offen Vereine und Gruppen darauf reagieren. Wenn die Freiwillige Feuerwehr, ein Wanderverein oder der Schützengau einen Festgottesdienst feiern möchte, dann ist das kein Zusatzprogramm. Es ist Kirche im Leben der Menschen. Diese Lebenswirklichkeit kennenzulernen – sei es die Geschichte der Feuerwehr oder die Bräuche der Schützen – macht die Botschaft greifbar und lebendig. Und oft sind es genau diese Momente, in denen Menschen spüren: Hier bin ich gemeint. Hier gehöre ich dazu. Hier bin ich willkommen.

Kirche lebt nicht von Mauern

Natürlich bleiben Fragen und Sorgen: „Was wird aus unserem Kirchlein?“, „Verlieren wir unsere Identität?“ Doch ich bin überzeugt: Kirche lebt nicht von Mauern, sondern von Beziehungen. Wenn wir uns öffnen – für Neues, für Ungewohntes, für die Fragen unserer Zeit –, kann Kirche neu zu dem werden, was sie im Kern ist: ein Ort der Hoffnung, der Gemeinschaft stiftet.

Es geht um Menschen

Regionalisierung ist kein Ende, sondern ein ehrlicher Neuanfang im Licht der Zeit. Regionalgemeinden fordern uns heraus, kreativ zu sein, mutig zu handeln und Kirche dort zu gestalten, wo sie gebraucht wird. Denn am Ende geht es nicht um Gebäude oder Grenzen, sondern um Menschen – darum, dass sie spüren: Hier bin ich gemeint. Hier darf ich sein.

 ●  Anke Himmel