Es ist spätsommerlich und es läuft ein alter Hit: „Video Killed the Radio Star“. Ein Song aus dem Jahr 1979, der mahnte, dass eine neue Technologie – das Musikfernsehen – die alte ablösen würde. Die Radiostars von einst würden durch bewegte Bilder verdrängt.
Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet ein Song über diesen Umbruch selbst zum Sinnbild für den nächsten wird?
Die Geschichte wiederholt sich, nur schneller.
Auf das Fernsehen folgten die Social Media: Jede und jeder wurde zum Sender, Nachrichten, Bilder und Videos verbreiteten sich in Sekunden. In kirchlicher Kommunikation sind diese Kanäle kaum noch wegzudenken; laut der aktuellen DiRK-Studie 2026 ist Instagram der wichtigste Social-Media-Kanal für Kirchenmitglieder, ein Viertel der Befragten folgt christlichen Influencern, und eine klare Mehrheit von 62 Prozent wünscht sich weiterhin oder erneut Online-Gottesdienste.¹
Jetzt steht mit der Künstlichen Intelligenz die nächste, noch tiefere Umwälzung vor der Tür. KI schreibt Texte, malt Bilder, komponiert Musik und führt Gespräche – oft kaum von menschlicher Arbeit zu unterscheiden.
KI kann entlasten, indem sie etwa Verwaltungsaufgaben vereinfacht, Übersetzungen in Echtzeit ermöglicht, Menschen mit Einschränkungen neue Zugänge zu Information und dadurch zur Teilhabe ermöglicht. Auch kirchliches Leben profitiert davon – etwa durch vereinfachte Verwaltungsprozesse, bessere Kommunikation oder individuellere Bildungsangebote.
So bleibt mehr Zeit für das, was zählt: das seelsorgerliche Gespräch, die persönliche Begleitung, die gelebte Gemeinschaft vor Ort.
Doch mit der neuen Technologie wächst auch die Verantwortung, sowohl der Kirche als Institution als auch von jeder und jedem Einzelnen damit umzugehen. Wenn Bilder und Videos täuschend echt wirken, obwohl sie künstlich erzeugt wurden, verändert das unser Vertrauen in das, was wir sehen.
Deshalb braucht es Kennzeichnung – und Regeln wie das EU-KI-Gesetz (EU AI Act), das Risiken einordnet und Transparenzpflichten festlegt. Eine Regulierung ist eine Voraussetzung dafür, dass Technologie dem Menschen dient und nicht umgekehrt.
Hier setzt auch die ELKB mit ihrer KI-Strategie in ihrer ersten Version - bewusst als lernendes Dokument - aus 2025 an, indem sie zentral festhält, dass KI dienen soll und nicht ersetzen.
Die Leitlinien fordern unter anderem, dass Entscheidungen menschlich über prüfbar bleiben (Human-in-the-Loop) – etwa wenn KI bei der Vorbereitung von Predigten oder Antwortschreiben hilft, bleibt die inhaltliche und seelsorgerliche Verantwortung immer bei einem Menschen.
Für 2025 hat die ELKB dazu bereits konkrete erste Schritte festgelegt: Testprojekte mit KI-Werkzeugen wie Microsoft 365 Copilot, Schulungsangebote über elkbLernen sowie den landeskirchlichen Austauschkanal „Kirche und KI“, in den Erfahrungen und eingesetzte Anwendungen gesammelt werden.
Die ELKB fragt, wie KI dem Gemeinwohl dient und soziale Gerechtigkeit fördert, statt Ungleichheiten zu verstärken. Schulungsangebote, wie der KI-Grundkurs auf elkbLernen und jugendarbeit.de² befähigen Hauptberufliche und Ehrenamtliche, die neue Technologie souverän und reflektiert zu nutzen, damit es nicht zu einer blinden Technikbegeisterung, aber auch nicht zu einer ängstlichen Abwehr führt.
Vielleicht ist das die eigentliche Lehre aus „Video Killed the Radio Star“: Keine Technologie hat den Menschen je vollständig ersetzt – sie hat ihn verändert und herausgefordert.
Radio gibt es bis heute, nur anders.
Auch KI wird unser Miteinander verändern. Wir als Gemeindeglieder einer lebendigen Kirche entscheiden dabei mit: durch Kennzeichnung, kluge Regeln, mündige Nutzung.
Vor allem aber durch die Bereitschaft, Technologie so zu gestalten, dass sie dem Menschen dient und Raum lässt für das, was KI niemals ersetzen kann: echte menschliche Zuwendung und Verantwortungsübernahme.
Wer sich weiter informieren möchte, kann im Intranet der ELKB die KI-Strategie und Leitlinien nachlesen. Diese sind ein erster Entwurf und Feedback sowie Impulse zur Weiterarbeit können an digital@elkb.de weitergegeben werden.
Dr. Jens Palkowitsch-Kühl,
KI- und Digitalmanager der Evang.-Luth. Kirche in Bayern
¹ Die DiRK-Studie: Digitalisierung im Raum der Kirchen, Köln, Mai 2026, über 7.000 Befragte; www.vrk.de/dirk
² Zum KI-Kurs: https://jugendarbeit.de/kurse/ki-technische-grundlagen-prompting/