Kreuzwort vom 04.07.2026
In der vergangenen Woche gab es im Deutschen Bundestag eine beeindruckende Debatte. Immer dann, wenn der Fraktionszwang aufgehoben ist, gibt es diese Sternstunden des Parlamentarismus. Leider traute eine Fraktion, die sonst immer die Freiheitsrechte absolut setzt, ihren Abgeordneten diese freie Entscheidung nicht zu. Leidenschaftlich debattiert wurde über die so genannte Widerspruchslösung im Zusammenhang der Organspende. Hintergrund ist, dass fast alle anderen europäischen Länder die Widerspruchslösung haben, dass jedes Jahr hierzulande schätzungsweise 1000 Menschen sterben, weil es viel zu wenig Spenderorgane gibt, dass mehrere Hundert Organe aus dem europäischen Ausland vermittelt werden, dass aber andererseits weit über 80 % aller Erwachsenen grundsätzlich zu einer Organspende bereit wären. Fast alle Abgeordneten waren sich in einer Frage einig: Es besteht Handlungsbedarf. Denn Aufklärung und Werbung allein reichen ganz offensichtlich nicht aus.
Am Katholikentag in Würzburg konnte ich eine Frau sprechen, die mit einer Spenderlunge ein zweites Leben geschenkt bekam und die leidenschaftlich dafür wirbt, dass sich auch in Deutschland endlich mehr Menschen auf die Liste setzen lassen. Doch die Frage bleibt: Ist die reine Widerspruchslösung dafür wirklich der richtige Weg? Wie ist es mit den Menschen, die sich aus psychischen Gründen nicht in der Lage sehen, wirklich autonom zu entscheiden? Darf der Staat eine Entscheidung von jedem erzwingen?
Der katholische Moraltheologe und Mitglied des Deutschen Ethikrates Jochen Sautermeister aus Bonn schlägt eine dritte Lösung vor. Zunächst hält er fest, dass der Staat bei einer solch gewichtigen Frage uns Bürgerinnen und Bürger zu einer Entscheidung verpflichten darf. Aber dafür schlägt er neben „Ja“ oder „Nein“ zu einer Organentnahme nach dem Hirntod als dritte Möglichkeit vor „Ich entscheide mich jetzt nicht“. Aus der Widerspruchslösung, nach der jeder, der nicht ausdrücklich nein sagt, automatisch zum potentiellen Spender wird, wird so die Zustimmungslösung. Ich sage nicht einfach nicht nein, sondern ich sage ganz bewusst und willentlich „Ja“ – wie es etwa auch in der Reform des Sexualstrafrechts momentan diskutiert wird. Eine Organspende muss nach Ansicht der Kirchen stets ein bewusster, selbstbestimmter und damit freiwilliger Akt der Nächstenliebe sein und darf weder verpflichtend noch stillschweigend vorausgesetzt werden. Genau das will die Zustimmungslösung.
Dekan Rudi Rupp
Aschaffenburg