Kreuzwort vom 06.06.2026
Wir sind zu Hause zu viert aufgewachsen. Vier Kinder, die sich morgens streiten, wer wann und wie lange ins einzige Badezimmer darf. Vier Kinder, die kämpfen, wenn das Schulbrot gemacht wird, weil nur noch eine Scheibe Käse übrig ist und ein Mini-Rest Gurke. Einer findet seine Jacke nicht, der andere braucht noch Turnschuhe, die Nächste plötzlich Honig für das Schulfrühstück. Und wer hat meine Hausaufgabenmappe geklaut? Wo ist mein Füller? Es ist Geschrei, Streit und Hetze. Und dann: Um zehn vor Acht rennen alle aus der Haustür. Die Schultasche wird auf den Rücken geworfen. Dann wird unser Schritt langsamer. Unser Wohnzimmerfenster liegt zur Straße. Und jeden Morgen sehe ich, wie unsere Mutter ein bisschen die Gardine zur Seite schiebt und uns zuwinkt. Jeden Morgen, wirklich jeden Morgen, egal ob ich 6 Jahre oder 16 Jahre alt bin. Sie steht da, schaut und winkt mir zu. Ich atme tief durch. Alles ist vergessen: Der Streit, die Hetze, der verlorene Füller. Ich fühle mich gut und stark für den Tag.
So ist für mich Segen: Eine winkende Hand hinter der Gardine. Etwas, auf das ich mich verlassen kann – jeden Morgen neu. Dass jemand auf mich schaut, wenn ich auf dem Weg bin. Dass ich mich angenommen fühle, egal was vorher war.
Vielleicht ist es Jakob damals ähnlich ergangen. Von ihm wird in der Bibel erzählt. Er hatte allerdings nur einen Bruder, mit dem er sich aber bis aufs Blut gestritten hatte. Am Ende musste Jakob fliehen. Eines nachts schläft er draußen, im Nirgendwo und hat einen Traum: Der Himmel reißt auf, er sieht eine Leiter. Auf ihr steigen Engel auf und ab. Und Gott ist unter ihnen und sagt: „Ich werde Dir beistehen. Ich bewahre Dich, wo Du auch hingehst… Ich lasse Dich nicht im Stich!“ (1. Buch Mose 28, 15)
Nichts geht im Leben Jakobs glatt. Aber er überlebt den Tod seiner Frau, eine Hungersnot und den Streit unter seinen Kindern. Am Ende fühlt er sich von Gott gesegnet und bewahrt und gibt diesen Segen an seine Kinder weiter.
Ein offener Himmel, Gott – der auf einer Leiter zu uns Menschen runterkommt -, eine winkende Hand hinter einer Gardine. Einer, der auf mich schaut, wenn ich auf dem Weg bin …
Dass der Segen Gottes für Sie persönlich spürbar wird – das wünsche ich Ihnen von Herzen!
Judith Haar-Geißlinger, Pfarrerin in der Kirchengemeinde Kleinheubach