Kreuzwort vom 02.05.2026
Darf Kirche politisch sein? Immer wieder begegnet mir diese Frage in unterschiedlichen Zusammenhängen. Und oft habe ich den Eindruck, dass die Politik gut damit leben kann, wenn sich die Kirchen zur Politik äußern, solange sie ihr Handeln gutheißen. Äußern sie sich kritisch, dann weist man sie gerne in ihre Schranken und sagt, sie sollen sich auf ihr Kerngeschäft, also auf religiöse Inhalte beschränken. Was aber sind religiöse Themen? Da geht es doch nicht ausschließlich um Glauben, Gebet und Gotteslob. Es geht auch darum, die Welt mitzugestalten.
Schon im Alten Testament war es die Aufgabe der Prophetinnen und Propheten, den Staatslenkern ins Gewissen zu reden und sie vor den Folgen ihrer Politik zu warnen.
Auch das Neue Testament lässt sich an vielen Stellen politisch deuten. Im ‚Magnificat‘ der Maria komponiert der Evangelist Lukas ein Lied, das viele Verse aus dem Alten Testament enthält. Maria spricht hier von der Hoffnung, dass sich die ungerechten Herrschaftsstrukturen ändern: „Gott stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“, Hungernde werden beschenkt während Reiche leer ausgehen. Das ist brisant, wenn wir bedenken, dass die römische Besatzungsmacht damals mit brutaler Härte über Israel herrschte. Wenn Jesus in den Evangelien vom ‚Reich Gottes‘ spricht, dann geht es auch um Gerechtigkeit für die Menschen, die ausgegrenzt und ausgebeutet werden und unter den Verhältnissen zu leiden haben. Er benennt die Ungerechtigkeiten zwischen Mächtigen und Machtlosen, zwischen Reichen und Armen und sagt „Bei euch aber soll es nicht so sein“. So wie es in der Welt zugeht mit Unterdrückung und Machtmissbrauch, so geht es nach dem Willen Gottes eben nicht. Wer sich auf Jesus und seine Botschaft beruft, ist gefordert, an diesem ‚Projekt Gottes‘ mitzuarbeiten.
So betrachtet komme ich zu dem Schluss, dass die Kirchen sich sehr wohl zur Politik äußern dürfen und sogar müssen. Aufmerksam machen, mahnen, Ideen einbringen, wie wir kleine Schritte auf das Ideal ‚Reich Gottes‘ hin gehen können, das sollten sich diejenigen gefallen lassen, die Politik gestalten. Ich weiß, wie schwierig es ist, Ideale zu verwirklichen. Das kann uns aber doch nicht davon abhalten, welche zu haben. Wir brauchen Geschichten, die zum Nachdenken anregen und Mut machen, und die Kirchen sollen sie erzählen.
Brigitte Glaab, alt-katholische Priesterin, Aschaffenburg