Kreuzwort vom 08.08.2026
Wer möchte nicht allzu gerne in die Seele des modernen Menschen hineinschauen. Der Tiefenpsychologe C.G. Jung hat es gewagt, wenn er von „drei Amputationen“ spricht, die der moderne Mensch über sich ergehen lassen muss: die Amputation von der Natur, die Amputation von der Geschichte, schließlich die Amputation von der Seele.
Von der Natur: Sie wird vielfach nicht mehr als Schöpfung und vitales Zentrum unseres Lebens erfahren. Entsprechend reagiert sie entfesselt und wie aus dem Gleichgewicht gekommen.
Von der Geschichte: Man lernt nicht mehr aus ihr. Führt sie doch vor Augen, dass das Losungswort „Es war“, so der Philosoph Nietzsche, dem Menschen vor Augen führt, „was das Dasein im Grunde ist – ein nie zu vollendendes Imperfektum“ (ein Unvollkommenes). Ein Tier hingegen lebt unhistorisch, weil es im Augenblick aufgeht, kennt nicht Werte, nicht Wesentlichkeit. Faschismus, Rechtspopulismus und Linksextremismus verharmlosen, beschönigen und zerstören den Gemeinsinn.
Schließlich die Amputation der Seele. Das Innerste wird dem Oberflächlichen und Materiellen geopfert. „Hast du was, dann bist du was.“ „Was bringt es mir schon, gläubig zu sein.“ Täglich wird sie reichlich beschenkt von verlockenden Angeboten und Entfaltungsmöglichkeiten und begibt sich auf das Glatteis des Wohlstands. Sie wird Opfer der Faszination der sozialen Medien, von Algorithmen, Drogen und unterliegt dem unreflektiertem Gebrauch der Digitalisierung.
Doch die Seele ist nicht nur Impulsgeber für unsere Gefühle und Antriebe. Sie ist auch die oft vergessene Wohnung Gottes im Menschen. Von dort aus setzt Gott Menschen in Bewegung, das Gute und die Liebe zu leben. Sie ist Quelle für Kreativität, Gegengift gegen Depression, Resignation und Lähmung. Beim heiligen Augustinus findet sich das Wort: „Ich habe dich geschaffen ohne dich und will dich nicht erlösen ohne dich.“ Darum geht es für einen glaubenden Menschen: nicht ohne uns, nicht ohne Ihn.
Lassen wir zu, dass wir Amputierte werden, dann laufen wir Gefahr, zu Veräußerlichten und Getriebenen zu werden. Dazu eine Geschichte aus der östlichen Weisheit. Zwei junge Mönche schauen auf eine Fahne, die sich im Wind bewegt. „Die Fahne bewegt sich“, sagte der eine. „Nein“, so der zweite. „Nicht die Fahne bewegt sich. Der Wind bewegt sie.“ Da kam der Meister vorbei. „Weder die Fahne, noch der Wind. Eure Herzen bewegen sich.“ Werden wir zu Menschen, die in der Seele vom Wind der Liebe und des Guten bewegt werden.
Peter Spielmann,
pastorale Mitarbeit in Obernau