Solidarität in der Bibel

 

Ein Modewort in Corona-Zeiten?

Eigentlich toll, was wir in den letzten Monaten hinbekommen haben: Eine beispiellose Solidarleistung! Wir alle als Staat machen immense Schulden, um Geschäftsleute in der Krise über Wasser zu halten. Doppelt Geimpfte tragen tapfer Maske und halten Abstand, um anderen weiterhin ein gutes Vorbild zu sein. Studenten kriegen keinen Piks, weil natürlich erst ihre Großmütter an der Reihe sind. Selbst Gottesdienste fielen aus, um bei den Kontaktbeschränkungen aktiv mitzuwirken. Nur zum Vergleich: In Rußland wurde zuerst das Militär geimpft und in China haben Alte generell kein Anrecht darauf.

Doch gleichzeitig macht sich ein seltsames Gefühl breit, als sei das alles nicht genug oder nichts wert oder selbstverständlich oder gar falsch … Ist unser Wertekompass noch richtig justiert?

 

„ …früher sagte man Nächstenliebe, heute heißt es Solidarität.“

Stimmt. Solidarität kommt in der Bibel nicht vor. Doch ein Modewort ist es ebenso wenig. Denn was mit Solidarität gemeint ist, hat viel mit dem christlichen Gebot der Nächstenliebe zu tun.

Solidarität bei anderen einzufordern, ist selten erfolgreich. Nicht einmal in politischen Kampagnen. Keiner will schließlich belehrt werden, doch bitteschön mit anderen solidarisch zu sein. Da fallen uns sofort tausend Gegenargumente ein, weshalb wir mit der einen oder anderen Gruppe von Menschen nicht solidarisch sein wollen.

Die Bibel ist da viel realistischer. Denn das Gebot der Nächstenliebe lautet ja: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst (3. Mose 19,18). Das ist im Grunde die positive Seite des alttestamentlichen Grundsatzes „Auge und Auge, Zahn um Zahn.“ Oder etwas frech formuliert: Eine gehörige Portion Egoismus darf sein. Ich brauche ein gesundes Maß an Selbstbewusstsein, um einen Blick für die Nöte anderer zu haben. Schwache Charaktere scheffeln und sind geizig, starke hingegen erkennen: Geben ist seliger denn nehmen (Apostelgeschichte 20,35).

 

Von der Ungerechtigkeit

Das Menschen- und Weltbild des Alten Testaments ist noch in einer anderen Hinsicht sehr modern. In den ersten Kapiteln der Bibel dreht sich beinahe alles um das Thema Ungerechtigkeit. Doch bevor es Lösungen dafür gibt, sagt die Bibel unmissverständlich: Diese Welt ist ungerecht. Ja selbst Gott ist zunächst kein Garant dafür, dass es gerecht zugeht (Kain und Abel, 1. Mose 4). Darum gehört heutzutage zu den ersten Bildungszielen im Kindergarten die Fähigkeit zur Resilienz. Also das Ertragen von und der Umgang mit Ungerechtigkeiten. Das mag hart klingen, doch es ist klug. Denn welche Alternativen gibt es?

 

Ungerechtigkeit besiegen

Die revolutionäre Antwort gab Karl Marx. Religion sei Opium des Volkes, weil sie das Volk verneble. Allein der Klassenkampf weise das Ziel einer klassenlosen Gesellschaft und damit das Reich der Freiheit für alle Menschen.

Marx ist Murks, weil er zwar die richtige Sozialanalyse hatte, aber völlig weltfremde Antworten gab. Darum musste die Utopie des Kommunismus, dass alle Menschen gleich sind, gnadenlos scheitern. Stasi und der KGB sind keine Betriebsunfälle der Geschichte, sondern notwendige Apparate einer letztlich realitätsfernen Ideologie.

 

Ungerechtigkeit überwinden durch Wohlstand für alle

Adam Smith, der Begründer der modernen Nationalökonomie und damit des Kapitalismus, glaubte, in der arbeitsteiligen Gesellschaft und im freien Spiel der Marktmächte den Schlüssel für Wohlstand für alle gefunden zu haben. Bis heute hat seine Philosophie augenscheinlich großen Erfolg. Europa nach 1945, das China der letzten 40 Jahre und der Grundnarrativ der USA „vom Tellerwäscher zum Millionär“ sind (ein)leuchtende Beispiele. Doch die Schatten dieser Entwicklung werden länger: Das Weltklima gerät aus den Fugen, die verheerenden Folgen ungebremster Globalisierung werden sichtbar und Corona wirkt auch hier als Brandbeschleuniger: Die Reichen werden noch reicher, die Armen werden zu Ärmsten. Und die Tellerwäscher sind längst wegrationalisiert.

 

Wir sind nicht gleich, aber alle gleich viel wert

Diese Welt ist ungerecht. Ob selbstverschuldet oder nicht, spielt dabei nicht die maßgebliche Rolle. Und die Armut gänzlich überwinden, gelingt ebenso wenig („Es werden allezeit Arme sein im Lande“, 5. Mose 15,11). Sondern entscheidend ist, wie ich meinen Mitmenschen sehe. Als Konkurrenten oder als Partner, als Mitbewerber oder als Konkurrenten, als schwach, ebenbürtig oder mir überlegen.

Die Gottebenbildlichkeit des Menschen (1. Mose 1,26) nivelliert nicht die Unterschiede zwischen uns, aber sie zieht ein Wertefundament ein, das uns davor bewahrt, grausam und gnadenlos zu werden. Würde und Wert eines Menschen hängen weder von dessen Geldbeutel noch von dessen Bildungsabschluss ab, weder von seiner Hautfarbe noch von seiner sexuellen Orientierung, sondern sie stehen ihm un-bedingt zu (Grundgesetz, Artikel 1). Dazu kommt vor allem im Neuen Testament die Botschaft der bedingungslosen Liebe Gottes zu allen Geschöpfen, die ihre Antwort findet in einer Haltung, im Mitmenschen den Bruder oder die Schwester zu sehen (1. Korinther 1,10).

Einander zum Nächsten werden bedeutet also, miteinander solidarisch zu sein. Nicht von oben herab, als Almosenempfänger, sondern auf Augenhöhe.

 

Solidarität lohnt sich. Oder die sieben Guttaten.

„Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.“ (2. Korinther 9,7) Nicht nur Schönheit kommt von innen, sondern auch die Zufriedenheit. Darum:

  • Seien Sie dankbar für alles, was Gott Ihnen geschenkt hat.
  • Halten Sie nichts Gutes in Ihrem Leben für selbstverständlich.
  • Seien Sie nicht neidisch auf andere. Neid zerfrisst die Seele und macht unglücklich.
  • Christus ist für alle Menschen gestorben. Auch für den Griesgram von nebenan.
  • Halten Sie Ausschau danach, wo Gott Sie heute braucht.
  • Überlegen Sie, wem Sie morgen zum Nächsten werden können.
  • Freuen Sie sich über die Rate der Geimpften hierzulande. Und rahmen Sie das Datum, an dem Sie dran waren oder sein werden, farbig ein.

 

Rudi Rupp, Dekan