Freiheit und Verantwortung

Gottesdienst in Zeiten von Corona
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Was ist gut? Die uralte Frage nach der richtigen Ethik ist hoch aktuell. Und sie verlangt von jedem von uns konkrete Antworten. Mindestens bis ein Impfstoff flächendeckend für alle erhältlich sein wird.

Im März und April hat der Staat rigoros in unser Leben eingegriffen. Massive Einschränkungen des öffentlichen Lebens wurden beschlossen. Alle Maßnahmen waren im wahrsten Sinne des Wortes not-wendig. Sie haben Schwache beschützt, Bedürftige unterstützt, Leben geschützt. Darum sind wir zuhause geblieben, haben Feiern abgesagt, wurden Gottesdienste gestrichen.

Ab Mai hat eine neue Phase begonnen, europaweit. Nun kommt es auf uns alle an, genauer auf jeden Einzelnen. Kein übermächtiger Staat schreibt uns vor, was wir zu tun hätten. Sie und ich, jeder Einzelne entscheidet vielmehr selbst darüber, ob wir mit dem Virus verantwortungsvoll umgehen oder leichtsinnig und naiv.

Immanuel Kant hat auf die Frage Was ist gut? mit seinem kategorischen Imperativ geantwortet. Frei übersetzt lautet er: Verhalte dich jeden Augenblick so, als wäre deine Handlung ein Gesetz für alle. Sei jederzeit für andere ein Vorbild.

Vorbildlich handeln setzt Freiheit voraus. Freiheit und Verantwortung wiederum gehören zusammen wie die zwei Seiten derselben Medaille. Weil wir in einer freien Gesellschaft leben und derzeit ganz intensiv über Lockerungen diskutieren, scheint mir der alte Königsberger Philosoph eine kluge Antwort gerade für unsere Zeit zu geben.

Hygiene beachten und Abstand halten – die beiden Grundregeln kennt mittlerweile jedes Kind. Doch nicht jeder mag sich daran halten. Aus falschem Stolz? Aus Naivität? Weil mancher obskuren Websites mehr vertraut als seriösen Journalisten und Wissenschaftlern? Selbst den ehemaligen Präfekt der Glaubenskongregation, einen deutschen Kardinal, haben jüngst alle guten Geister verlassen.

Was ist gut? Wenn wir die Grundregeln beachten, auch wenn gerade keiner hinschaut. Wenn wir zusammenstehen und dabei auf Abstand bleiben. Wenn wir aufeinander achten und in unserer Freiheit nicht leichtsinnig werden. Wenn wir uns bei allen schlimmen Nachrichten die Lebensfreude nicht nehmen lassen. Wenn wir mit unserem Mundschutz nicht nur unseren Atem kontrollieren sondern vielleicht auch die Worte, die wir manchmal so gedankenlos daher plappern. Kurz: Wenn wir einander zum Vorbild werden.

Rudi Rupp
evang. Dekan am bayer. Untermain

Gottesdienste in Kirchen in Zeiten von Corona - Cartoon von Tiki Küstenmacher - https://www.sonntagsblatt.de/